Es gibt in Mecklenburg Vorpommern Städte aus denen man regelmäßig Nachrichten hört und es gibt Städte aus denen man nie etwas hört. So entsteht im Kopf eine Landkarte auf der es viele unterbelichtete Flecken gibt. Doch der auf die immer gleichen Städte und Gruppen fixierte Blick verstellt auch die Sicht auf die Vielfältigkeit antifaschistischen Engagements im Bundesland. Schauen wir also einmal genauer hin. Am kommenden Samstag findet im Rostocker Peter-Weiss-Haus ein Veranstaltungstag zur Situation Stralsunder Antifaschist_innen statt. Angekündigt werden eine Infoveranstaltung und Konzerte verschiedener junger Antifabands aus der Hansestadt. Kombinat Fortschritt hat den Genossinnen und Genossen ein paar Fragen gestellt.
Stralsund ist eine dieser Städte, die in der Vergangenheit nicht sehr breit wahrgenommen wurden. Das gilt sowohl für die Neonaziszene als auch für die antifaschistischen Gegenaktivitäten. Seit einiger Zeit machen aber wieder junge Antifaschistinnen und Antifaschisten auf sich aufmerksam und setzen den Nazis am Sund etwas entgegen.
KomFort: Erzählt mal was zu euch. Was gibt es so für Gruppen und Zusammenschlüsse die aktiv sind und erzählt doch mal ein bisschen von den verschiedenen Aktionen, was so gelaufen ist.
HST: Also, als antifaschistische “Hauptgruppe” sei Syndikat zwölf.34 zu erwähnen. Eine Antifa-Gruppe, die es seit Herbst 2011 gibt, und seit gut einem Jahr politisch voll durchstartet. Gemeinsam haben wir uns an diversen Aktionen wie Stadtteilspaziergänge und in der Kampagnen “wake up – stand up” engagiert. Darüber hinaus haben wir auch eine ganze Menge Demonstrationen vom benachbarten Greifswald über Schwerin bis nach Dresden und Magdeburg mitgenommen. [grinst] Und die Stralsunder Bands sind natürlich auch auf verschiedenen Konzerten und Festivals, zum Beispiel dem “Rock gegen Rechts” hier bei uns in der Stadt mitbeteiligt gewesen.
KomFort: Syndikat zwölf.34 – das liest man des öfteren in Tags und Graffitis an den Wänden, wenn man durch Stralsund fährt. Wo kommt dieser Name her? Hat das eine Bedeutung?
HST: Der Name bezieht sich auf eine alternative Punker-Kneipe, die es Anfang der 90er in Stralsund gab, das “Syndikat”, und dem Gründungsjahr unserer Hansestadt anno 1234. Neben dieser Gruppe gibt es noch zahllose jüngere Punks und Skins, die sich allesamt gegen Faschos aussprechen, ein paar eher ökologisch aktive Zecken, sowie eine Gruppe von Altpunks, die das Stadtbild seit über 20 Jahren prägen. Aber mehr dazu kommenden Samstag im Peter-Weiss-Haus.
KomFort: In Stralsund scheint ein mittlerweile auch eine recht aktive Bandszene zu geben, die sich auch noch klar antifaschistisch positioniert. Habt ihr ein besonderes Düngemittel für coole MusikerInnen, oder wie kommt es, dass es plötzlich aus Stralsund so viele Combos gibt?
HST: [Lacht] Hehe, also eigentlich gab es in Stralsund schon immer einen großen Pool an jungen Bands. Aber seit einiger Zeit existieren nun auch politische Combos, die ihre Meinung unverblümt auf die Straße tragen. Entstanden sind die relativ unspektakulär über Freundschaften, oder dadurch, dass neue Leute zugezogen sind, die Bock auf Bandprojekte hatten. Also, ich denke, das „Düngemittel“ ist einzig und allein die Motivation Mucke zu machen und mit Hilfe der Texte etwas zu bewegen.
KomFort: Am 15. September findet nun ein kleiner “Stralsund-Aktionstag” statt. Dort gibt es vor dem Konzert noch einen Vortrag von euch, der sich doch sehr interessant liest. Worum wird es darin gehen?
HST: Der Vortrag soll darüber informieren, was in Stralsund politisch in den letzten Jahren abgegangen ist und weshalb bzw. wofür wir uns momentan alle den Arsch aufreißen, u.a. die Errichtung eines eigenen AJZs.
KomFort: Viele wissen das heutzutage vielleicht gar nicht, aber bis Ende der 1990er Jahre gab es in Stralsund ja noch ein linkes Jugendzentrum. Wie ist denn heute der aktuelle Stand bei euch?
HST: In Stralsund gibt es zur Zeit kein Jugendzentrum für uns, in dem wir uns wohl fühlen würden. In Stralsund entstehen nicht nur immer mehr Bands, sondern es sind auch ständig und stetig mehr junge Leute in unser Umfeld gekommen, es gibt jedoch immer noch keinen Ort, an dem wir uns verwirklichen können und bspw. coole, bezahlbare Bandproberäume haben würden. Eine alte Garage in der wir uns vor geraumer Zeit öfters mal getroffen hatten, wurde von Nazis angesteckt und somit war auch dieser kleine Freiraum nicht mehr für uns verfügbar. Aber natürlich versuchen wir nicht nur den Kopf in den Sand zu stecken. Dazu dann aber mehr am Samstag bei unserem Vortrag. Außerdem wird es einen kleinen Einblick in die Naziszene vor Ort geben.
KomFort: Ah, gutes Stichwort! Ohne jetzt alles schon vorwegnehmen zu wollen, wie sieht es denn da aus bei euch gerade?
HST: In der Stadt gibt es natürlich viele Nazis und die NPD betreibt nicht nur ein Bürgerbüro, sondern sitzt auch im Stadtparlament. In den letzten Jahren wurden nicht-rechte, alternative Jugendliche oftmals von Neonazis attackiert. Ob das nun bei einem Konzert war, als 20 Nazis am Bahnhof eine Gruppe von Antifaschisten angriffen, unsere Garage abgefackelt wurde, oder vor ein paar Wochen ein paar Freunde von uns angegriffen wurden, weil sie “Rock gegen Rechts” Plakate verklebten. Es ist aber auch nicht so, als wenn alles grau-in-grau in der Stadt wäre. Wir haben auch schon eigene Aktionen gerissen und können uns gegebenfalls auch zur Wehr setzen. Zudem wurden bspw. die “Rock gegen Rechts” Konzerte immer sehr gut angenommen. Ob im letzten Jahr bei “Feine Sahne Fischfilet”, oder in diesem Jahr “Crushing Caspars”,es waren immer mehrere hunderte Leute vor Ort, die mit uns gegen die Nazis tanzten. Abschließend kann man sagen, dass wir uns natürlich über Support von außen immer freuen und es auch mal schön ist aus Stralsund rauszukommen und am Samstag, gemeinsam mit anderen coolen Leuten aus der linken Szene, rumzuhängen.
KomFort: Letzte und alles entscheidende Frage. [allseits Lachen] Warum sollten die Leute gerade am letzten Sommerwochenende zu der Veranstaltung kommen?
HST: Gerade für uns ist es verdammt wichtig, dass so viele Leute wie möglich zu dieser Veranstaltung kommen, da wir uns vernetzen wollen und jede Unterstützung gebrauchen können. Außerdem gibt’s anschließend noch was auf die Ohren von den Stralsunder Combos Haltestelle 27, Forgotten Sportbags und Vodka Revolte. Da ist für jede und jeden was dabei!






Schönes Graffito. Schönes Interview.
Früher gabs da mal n Freiluft-AJZ, das “Ostkroiz”. Mein Gott haben wir uns da oft die Brille mit Stände Export beschmiert. War schö, damals!
Super, echt schön zu lesen, dass in HST so einiges geht. Macht weiter so!!!
Grüße aus der Nachbarstadt
Ein dicker Daumen nach oben für die Leutz in Stralle.
Toll, dass es euch gibt.
Auch schön, dass Kombinat seinen Blick nicht nur auf Rostock behält.
Wer sich selbst “Cyanol” darf morgen gerne ruhig selbst zum “Stralsund-Tag” kommen, dem sag ich dann persönlich guten Tag.
Gelungener Vortrag und ein schönes Konzi. Dank für den tollen Abend
Wer bitte ist denn mit ökologisch aktive Zecken gemeint?
Grüße aus jetzt Grade Hamburg
Der große Pfirsich
schöner abend , gut gemachter Vortrag, danke!
@peach: genau DU warst gemeint
LG!
AJZ in Stralsund…
MUHAHAHA was für ein Brüller.
Im ruhigem Hinterland von Rostock und Greifswald allen ernstes über
ein Zentrum an sich auch nur nachzudenken ist schon abwegig. Aber dann
auch noch ein Alternatives Jugendzentrum??
Die Komiker aus Rostock und Greifswald, gell?
Ich kann mir regelrecht die Gesichter von einem Hartlieb oder eines Zimmer vorstellen wenn sie den Lacher hören.
Aber jetzt mal im ernst.
Wenn man von den Schmierereien a la “Syndikat34″ bzw. dem recht gut gelungenen Rock gegen Rechts in Stralsund
mal absieht, existiert Antifa in Stralsund nicht.
Das ist ein Faktum.
Klar, Syndikat34 zeigt Präsenz “ausserhalb” der Stadt bzw. malt mal ein kleines Graffity “gegen den Faschismus” an eine Treppenwand an der Brunnenaue, was witzigerweise die Nazikiddies von der NPD beim Kinderfest mit einem Bettuch überdeckten und mit kleinen Herzchen und Smileys verschönerten. Das gilt bei uns in Stralsund aber schon als Protest. Letztes Jahr war zumindest noch Müll auf dem Platz verstreut, aber selbst dazu waren anderweitige Leute nicht fähig.
Einer der Gründe warum der Polizeistandort Stralsund in den letzten Jahren so großflächig eingestampft wurde und alle abziehbaren Leute sich jetzt in Neubrandenburg tummeln liegt gerade in diesem Problem. Stralsund ist, politisch gesehen, tot. Klar. Greifswald mit seinem IKUWO, Rostock mit seinem Peter Weiß Haus, bzw. die jeweiligen Universitäten. Aber in Stralsund? Früher gab es noch den Katharinenspeicher, heute einverleibt durch das evangelische Kreisdiakonische Werk, ein paar Kneipen wo mensch sich treffen kann. Aber das war es auch schon.
Die Idee ein Alternatives Jugendzentrum zu etablieren hat schon was für sich. Aber unsere Stadt ist grundsätzlich Mitte Rechts eingestellt. Und da das Merkel ebenfalls ein Büro in Stralsund hat wird es schon aus symbolischer Sicht nicht zu einem Linksruck in Stralsund kommen.
@ binklerstein.
provinz ist nur dort wo mensch sie zulässt. also mach was, und zieh den kopf aus’m sand oder mach die schotten dicht.
dann mach ich halt die schotten dicht…