Politik

Ilja Ehrenburg – ein Antifaschist

Am 19. Oktober widmete die Ostseezeitung nahezu eine gesamte Seite ihres Lokalteils einem vermeintlich neuen Diskussionbeitrag, um das inzwischen lieb gewordene Streitthema Ilja-Ehrenburg-Straße.[1] Offensichtlich in völliger Unkenntnis des Pamphletes suggerierte die OZ, dass es sich bei dem Heftchen „Ilja Ehrenburg, Töte!“ nicht allein um einen engagierten Debattenbeitrag handle, sondern dass dieses darüber hinaus auch „neue Forschungsergebnisse“ enthalte. Statt weiter im Tau zu waten, lud KomFort kompetente Gesprächspartner_innen von der Rostocker „Initiative Ilja Ehrenburg“ zum Interview über Ehrenburg, den 2. Weltkrieg, ein Tauwetter und eine inzwischen unsäglich wirkende Debatte.

KomFort: Sicherlich mit Unterbrechungen arbeitet ihr nun seit bald fünf Jahren an dem scheinbaren Problemkreis Ilja Ehrenburg, habt Biograph_innen kontaktiert, Akten gewälzt, Schmöker verschlungen, Lesungen und sogar eine umfangreiche Ausstellung auf die Beine gestellt. Wie erschien Ehrenburg euch als Person und gleichzeitig Publizist, Propagandist und in gewisser Weise auch Politiker?

Initiative Ilja Ehrenburg (IIE): Was die Ausstellung betrifft, müssen wir gleich eine Einschränkung machen: Wir haben sie nur geholt. Erarbeitet wurde sie vor mehreren Jahren für das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst. Wer sehen wollte (und nicht wenige Rostocker haben durch aktive Teilnahme an unseren Veranstaltungen sowie Bücher- und Geldspenden sogar aktive Beiträge geleistet), konnte an ihr und an unserem Rahmenprogramm sehen, dass unsere Arbeit auf gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Nach Rostock wurde die Ausstellung übrigens noch einige Wochen lang, ebenfalls begleitet von einem anspruchsvollen Rahmenprogramm, im Literaturhaus Kopenhagen gezeigt.

Uns haben sich während unserer Arbeit immer mehr Facetten Ehrenburgs erschlossen. Wir haben größten Respekt nicht nur vor seinem Werk, sondern gerade auch vor seiner Person. Wie er uns erschienen ist? Um mit einem Detail zu beginnen: Seine äußere Erscheinung als „le jeune homme mal coiffé“, „der schlecht frisierte junge Mann“, wie ihn Freunde in seiner frühen Pariser Zeit nannten (auch bei Lenin findet sich eine spaßige Bemerkung dieser Art) hat sich wohl durch sein ganzes Leben gezogen. Wie konnte das auch anders sein bei seiner Lebensleistung als Schriftsteller, Journalist, der immer mittendrin war, Übersetzer, Herausgeber, Friedensaktivist, Organisator von Weltkongressen, Ansprechpartner für die Sorgen und Nöte der sowjetischen Juden und nicht zuletzt Familienmensch, aber auch großer Liebender außerhalb bürgerlicher Konventionen – und das alles gleichzeitig, nicht etwa fein nach Jahren sortiert.

Noch zu wenig erschlossen, auch durch uns, ist seine Tätigkeit nach dem Krieg im Obersten Sowjet – in der Sowjetunion war ein solches Volksvertretermandat eher ein Parkplatz für Prominente, er aber hat dort tatsächlich das Volk vertreten. Und wir übersetzen weiterhin seine Kriegsartikel. Es gibt ja praktisch keine deutschen Übersetzungen von ihnen. Deshalb wundern wir uns auch immer wieder, woher Ehrenburgs Gegner ihre Erkenntnisse haben.

KomFort: Ist es da nicht in gewisser Weise schon ein wenig lästig, wenn sich ein ehemaliger Bürgermeister in Trotzposition begibt und ein Pamphlet mit einem solch plumpen Titel veröffentlicht?[2]

IIE: Die Herausgeber sind Prof. Werner Müller und Dr. Fred Mrotzek vom Historischen Institut der Universität Rostock. Prof. Ingo von Münch ist der Autor der Einführung. Das macht aber auch nichts besser. Wie auch immer: Was den unkritischen Umgang mit Umbenennungsforderungen bezüglich der Ilja-Ehrenburg-Straße durch Bürgermeister betrifft, haben wir in Rostock ja schon Erfahrung: 2007 haben wir uns als Initiative gegründet, um eine genau solche oberbürgermeisterlich angekündigte Umbenennung zu verhindern und einen positiven Umgang mit Namen und Person Ilja Ehrenburgs zu befördern. Aber es ist ja komplizierter: Prof. Ingo von Münch ist ja nicht nur ein ehemaliger Bürgermeister von Hamburg. Er ist Wissenschaftler. Er hat an Hochschulen, auch in Rostock, gelehrt und anerkannte Arbeiten zum Völkerrecht und zum Verfassungsrecht vorgelegt. Aber Ihr habt Recht: Wenn er sich mit wirklich seriösen Forschungsergebnissen in Rostock hätte präsentieren wollen, hätte er sich zumindest darüber informieren müssen, auf welchem Niveau die Ilja-Ehrenburg-Diskussion, nicht zuletzt dank unserer Arbeit, in dieser Stadt objektiv gesehen steht.

KomFort: Was habt ihr euch von diesem Büchlein „Ilja Ehrenburg, Töte!“ erhofft, bzw. was habt ihr im Anschluss an die etwas großspurige Ankündigung in der Ostseezeitung für Erwartungen daran geknüpft?

IIE: Wir wussten schon vorher von der Publikation. Ende 2010 hatte sich der Verlag & Medien GbR in Rostock, an uns gewandt. Es war ihm offensichtlich bekannt, dass wir über umfangreiches Material zu der Kontroverse um den Straßennamen verfügen. Menschen, die uns vertrauen, haben es uns für unsere Arbeit zur Verfügung gestellt. Der Verlag wollte es in seine als neutrale wissenschaftliche Dokumentensammlung deklarierte Publikation aufnehmen. Es ist aber klar, dass es in dieser Kontroverse, so, wie sie sich in den letzten Jahren in der Stadt entwickelt hat, keine neutrale Position geben kann; jede Position hier ist politisch. Wir haben deshalb kein Material herausgegeben. Desgleichen haben wir auf eine Stellungnahme zu der Kontroverse verzichtet, die der Verlag ebenfalls von uns haben wollte. Die Seiten 43-47 der Publikation zeigen nun, wo sie hätte stehen sollen: an dem uns vom Verlag zugewiesenen Platz als Kontrahent der Jungen Union. Wir sind aber trotzdem in dem Buch gut vertreten: Etwa 80 Seiten sind von unserer Homepage kopiert, das macht bei einem Gesamtumfang von 256 Seiten etwas mehr als ein Drittel aus. Insofern würden wir gar nicht davon abraten, das Buch zu lesen. Die rechtliche Seite dieser Angelegenheit prüfen wir noch.

Nun ja, und was die Erwartungen betrifft: Wir waren natürlich gespannt, was Prof. Ingo von Münch, der bisher in der Ilja-Ehrenburg-Forschung nicht hervorgetreten ist, an Forschungsergebnissen präsentieren würde. Er hat ja als Völker- und Verfassungsrechtler einen Namen.

KomFort: Wurden diese erfüllt? Gab es die angekündigten neuen Erkenntnisse?

IIE: Nein. Weniger als das: Es wurden systematisch „alte“ Erkenntnisse totgeschwiegen.

KomFort: Im Rahmen der Buchvorstellung in Rostock – an der ja auch mehrere Neonazis teilnahmen – hatten ja nicht nur die Buchautoren das Wort. Wie habt ihr die Stimmung des Publikums an diesem Abend wahrgenommen?

IIE: Die Reaktion auf unsere Diskussionsbeiträge waren Beschimpfungen, Lobpreisungen des Buches (das noch niemand hatte lesen können) und Forderungen, die Ilja-Ehrenburg-Straße umzubenennen. Darin erschöpfte sich die ganze weitere Diskussion. Einige abweichende Stimmen meldeten sich hinterher bei uns. Nicht zu vergessen die rabulistischen Argumentationen vom Rednerpult  – allein das „Vergewaltigungsflugblatt“, auf das wir bestimmt noch zu sprechen kommen, wechselte im Diskurs des Abends mindestens fünfmal seinen Status zwischen existent oder nichtexistent oder „keiner weiß“. Das Thema Vergewaltigungen mit seiner Vielzahl emotionaler Komponenten, speziell im Munde honoriger Personen, taugt offenbar ganz hervorragend zur Vernebelung historischer Zusammenhänge und damit in diesem Kontext auch zum Transport faschistischer Ideologie.

KomFort: Auch der Vorsitzende der Vereinigung der „Opfer des Stalinismus“ Fred Mrotzek ergriff das Wort. Was hatte diese illustre Figur am Rostocker Historikerhimmel zu diesem Thema beizutragen?

IIE: Dr. Mrotzek als Historiker möchten wir an dieser Stelle nicht beurteilen. Es ist bekannt, dass er an der Forschungs- und Dokumentationsstelle des Landes zur Geschichte der Diktaturen in Deutschland arbeitet, die an der Universität Rostock angesiedelt ist. Es war übrigens gerade unter diesem Gesichtspunkt irritierend, zu sehen, wie viele Vertreter von Vertriebenenverbänden und Burschenschaften bei der Buchvorstellung im Saal saßen. Dr. Mrotzek selbst trug eine Krawatte mit dem Emblem der Landsmannschaft Ostpreußen. Über Ilja Ehrenburg sagte er nichts. Er führte mit einem emotionalen Text über Übergriffe von Soldaten der Roten Armee in Ostpreußen am Ende des Krieges in die Veranstaltung ein. Vermutlich handelte es sich um eine Variante des Textes, mit dem er bereits im vergangenen Jahr vor dem Ortsbeirat Toitenwinkel auftrat. Toitenwinkel ist der Rostocker Stadtteil, in dem die Ilja-Ehrenburg-Straße liegt. Der Ortsbeirat hatte sich seinerzeit um eine historische Expertise zu dem Straßennamen bemüht. Das schmale Buch „Frau, komm!“ von Prof. Ingo von Münch, erschienen 2009 im stark rechtslastigen Ares-Verlag Graz, im Wesen eine, mit Verlaub, tendenziöse Kompilation von Erlebnisberichten zum Thema Vergewaltigungen aus dem Zitatefundus anderer historischer Publikationen, mit suggestiven Bildunterschriften und, textlinguistisch gesprochen, einer vom Namen Ehrenburg her gesehen eigenwilligen Referenzstruktur, bezeichnete er vor versammeltem Publikum als „gigantisches Werk“. Soweit die Fakten.

KomFort: Die Ostseezeitung zitierte in ihrem – etwas skurril bebilderten – Artikel das vermeintliche Fazit, des Völkerrechtlers Ingo von Münch, der bereits 2009 eine Arbeit zum Thema Massenvergewaltigungen am Ende der deutschen Barbarei herausgebracht hatte

IIE: … ebendieses Buch …

KomFort: Von Münch konstatierte hier eine Kausalkette zwischen der Propaganda Ehrenburgs und den Vergewaltigungen durch Rotarmisten im Zuge der Zerschlagung des Nationalsozialismus. Worauf basiert diese These, deren Botschaft zunächst ja bereits durch die Würde des alten Herren und den brachialen Charakter ihrer Formulierung zu überzeugen scheint?

IIE: Diese These beruht heute wie vor 67 Jahren auf der Behauptung, Ehrenburg habe Hass gegen Deutsche geschürt und in einem seiner Flugblätter zur Vergewaltigung deutscher Frauen aufgerufen. Dabei gibt es seit Jahren ein Gutachten des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, das die Nichtexistenz dieses Flugblattes belegt – es wurde in der gesamten Kriegsproduktion Ehrenburgs nicht gefunden; die Apologeten der These brauchen sich also gar nicht weiter zu bemühen. Bekannt sind dagegen Formulierungen, die angeblich aus diesem Flugblatt stammen, aus einem Tagesbefehl des Kommandierenden der Heeresgruppe Nord vom November 1944. Es handelt sich also um eine Fälschung der faschistischen Propaganda. Ganz abgesehen davon widerspricht es jedem Weltwissen, dass ein Flugblatt, sei es auch von anderen Hassaufrufen flankiert (und Ehrenburg hat stets gut begründet, warum er in der Zeit nach dem Hitler-Stalin-Pakt zum Hass gegen die faschistischen Invasoren aufrief), von Soldaten eins zu eins massenhaft in die Tat umgesetzt werden könnte.

KomFort: Wenn dieses „Dokument“ doch – und das habt ihr ja spätestens mit eurer Kampagne zu Ehrenburg deutlich unterstrichen – scheinbar lediglich in der Phantasiewelt einiger gen Westen gereister Nazis existierte; worin seht ihr die Triebfeder für die noch immer andauernden Debatten um den Namen Ilja Ehrenburg und die kleine Straße in Toitenwinkel? Ist darin ein weiteres – vielleicht auch subtileres – Kapitel der deutschen Schlussstrichdebatte zu erkennen? Frei nach Ehrenburgs Darstellungen: das Werk einer Bande von Gangstern, die fliehe, weil sie die Verantwortung scheue?

IIE: Das ist schwer zu sagen. Ehrenburg, als jemand, der Deutschland und die Deutschen schätzte, beklagt in seinen Schriften oft ihre Demoralisierung durch die faschistische Herrschaft. Die Bezeichnung Gangster benutzt er seit seinen frühesten Artikeln für die faschistische Führung.

Tatsache ist, dass die Hetze gegen Ehrenburg schon sehr lange läuft. Nur ein Beispiel: Der Kindler Verlag München, ein überaus renommierter Literaturverlag, der 1962 Ehrenburgs Memoiren auf Deutsch herausbrachte (damals lebte Ehrenburg noch und seine Memoiren waren noch nicht einmal abgeschlossen – so groß war das Interesse), wurde vor allem von DVU-naher Presse mit einer Schmähkampagne überzogen, der Verlagsleiter erhielt Morddrohungen. Prof. von Münch hatte übrigens ein Exemplar dieser Ausgabe von Ehrenburgs Memoiren auf der Veranstaltung dabei. Es war stark zerlesen. Man kann nicht ausschließen, dass er in seiner Tätigkeit als Wissenschaftler und Hochschullehrer gern aus diesem Fundus von Ehrenburgs Erinnerungen an praktisch alle wichtigen politischen Entwicklungen und markanten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts geschöpft hat, ein weniger anspruchsvolles Publikum aber mit der Behauptung abspeisen möchte, das Buch sei voll von Hass- und Vergewaltigungsaufrufen.

Und schließlich hofft man in Ehrenburg immer viel mehr zu „erledigen“ als nur diese Person und ihr Werk: Ein weltgewandter Intellektueller, Kommunist seinen Überzeugungen nach, Jude noch dazu, phasenweise Aushängeschild seines Landes, der Sowjetunion – alles, was Faschisten hassen und was der Faschismus bekämpft, ist in ihm gebündelt. In der Beschäftigung mit Ehrenburg und seinem Werk liegt daher auch eine ständige Herausforderung für gesellschaftlich  progressive Kräfte.

KomFort: Weshalb seht ihr eine Berechtigung Ehrenburg im kleinen Maßstab mit diesem Straßennamen ein Denkmal zu setzen?

IIE: Die Straße wurde seinerzeit wegen seines Engagements in der Friedensbewegung nach ihm benannt und das ist vollauf berechtigt. Ehrenburg hat sich sein ganzes Leben lang kompromisslos gegen Krieg und Faschismus eingesetzt. Man denke nur  an seine journalistische und propagandistische Tätigkeit im Spanischen Bürgerkrieg, seine Rolle als Mitorganisator internationaler Schriftstellerkongresse zur Verteidigung der Kultur gegen den Faschismus, an seinen Roman „Der Fall von Paris“ über die deutsche Besetzung Frankreichs und die Kollaboration der französischen Politiker, der wegen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes in der Sowjetunion zunächst nicht erscheinen durfte, an seine Tätigkeit als Vizepräsident des Weltfriedensrates nach dem Krieg und seinen Einsatz für den Stockholmer Appell 1950 für die Ächtung der Atomwaffe und das Verbot ihres Ersteinsatzes, der hunderte von Millionen Unterschriften in aller Welt erhielt.  Jeder seiner Kriegsartikel, von denen er 1941 bis 1945 pro Tag mehrere für das In- und Ausland schrieb, spricht für den Frieden: Der Faschismus sollte ausgerottet werden. Mit dem „Schwarzbuch“ hat er zusammen mit Wassili Grossman auch die erste Dokumentation des Holocaust vorgelegt. Dafür stand er auf der Fahndungsliste des Reichssicherheitshauptamtes, dafür wurden seine Flugblätter von der Goebbels-Propaganda gefälscht, dafür wurde er in der Sowjetunion mit Diffamierungen und Publikationsverboten schikaniert.

KomFort: War er denn praktisch also nur Politiker?

IIE: Er war ein „homo politicus“ im besten Sinne, aber immer gleichzeitig Schriftsteller. Weltruhm erlangte er schon mit seinem ersten Roman, auf den ersten Blick einer Art Zauberreise durch Europa mit vielen mystischen Elementen, in der er aber die Zeit nach der Oktoberrevolution und dem Ersten Weltkrieg allegorisch verarbeitete und viele Entwicklungen im Europa der kommenden Jahrzehnte voraussah. Die Verfilmung seines Romans „Die Liebe der Jeanne Ney“ durch G.W. Pabst in Deutschland 1927 bei der UFA wurde ihrer Marktgängigkeit zuliebe vieler Elemente ihres politischen Gehalts entkleidet. Die Bezeichnung „Traumfabrik“ für die Filmindustrie soll denn auch auf ihn zurückgehen, jedenfalls stammt sie aus seinen Dokumentarromanen über den fordistischen Kapitalismus der zwanziger Jahre; damit hat er gleichzeitig ein literarisches Genre erfunden. Über typische Charaktere in der NÖP-Zeit der Sowjetunion und über die Organisation der sozialistischen Industrialisierung hat er ebenfalls kritische Romane geschrieben. Seine Gedichte aus dem Spanischen Bürgerkrieg gehören zu seinen besten. Viele seiner Kriegsartikel sind belletristische Kunstwerke im Kleinformat und waren übrigens für die ziemlich abgeschotteten sowjetischen Leser auch eine wertvolle Informationsquelle, weil er die tagesaktuellen Meldungen aus den internationalen Medien in ihnen verarbeitete. „Tauwetter“ ist sein berühmter Roman nach Stalins Tod, man kann ihn aber auch als Arbeitsroman und Beziehungsgeschichte lesen. Wenn man „Der Bürgerkrieg in Österreich“ von ihm gelesen hat, sieht man die Architektur des Karl-Marx-Hofes im Wiener Bezirk Döbling mit neuen Augen. Er hat Paris und die einfachen Pariser fotografiert – das Buch liegt gerade in einer Hamburger Ausstellung aus. Auch über den Stuttgarter Hauptbahnhof können sich Anhänger der Losung „Oben bleiben“ bei Ehrenburg informieren. Reiseberichte über die Kultur der Länder, die er in seinen politischen Funktionen besucht hat, kommen dazu. Und er hat sich auch immer auf seine eigenen Vorbilder bezogen: Einer seiner späten Essays ist seinem Schriftstellerkollegen Anton Tschechow, dem großen Analysten der spätbürgerlichen russischen Gesellschaft, gewidmet und durchdrungen von Respekt vor seiner stilistischen Leistung.

Wir verweisen übrigens auch immer wieder gern auf unser Faltblatt über Ehrenburg. Einige gedruckte Exemplare haben wir auch noch zu vergeben, müssen aber wohl langsam an eine Neuauflage denken, wenn das hier so weiter geht.

KomFort: Cпаcибо! Für diese Reise aus den Nebelregionen der Einbildungskraft der Vertriebenen hin zu einem Tauwetter durch Aufklärung.

  1. Vgl.: Schmidtbauer, Bernhard: Neues Buch befeuert Streit um Ilja-Ehrenburg-Straße. In: Ostseezeitung vom 19. Obktober 2011. S. 10. []
  2. So behauptet es Schmidtbauer in der Ostseezeitung []

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